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Demographischer und sozio-ökonomischer Wandel

Der langfristige Rückgang, die kontinuierliche Alterung und die fortschreitende Internationalisierung der Gesellschaft wirken sich in Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern tiefgreifend auf die räumliche Entwicklung aus. Der demographische Wandel bewirkt einen umfassenden, regional sehr unterschiedlichen Anpassungsbedarf der Siedlungs-, Wirtschafts- und Infrastrukturen. Die Probleme der räumlichen Integrationsfähigkeit nehmen – auch aufgrund von wachsenden innerstaatlichen groß- und kleinräumigen sozioökonomischen Ungleichheiten – zu. Vor allem in Großstadtregionen, aber auch zwischen prosperierenden (Metropol-)Regionen und peripheren strukturschwächeren ländlichen Räumen, bilden sich neue Ungleichheitsstrukturen heraus, die mit Begriffen wie Dualisierung, Exklusion oder sozialräumlicher Segregation und Polarisierung der Stadt(-region) beschrieben werden. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen konzentrieren sich in Stadtteilen mit wirtschaftlichen, sozialen und städtebaulichen Problemen sowie Umweltbelastungen. Damit sind vielfach Armut wie auch der Verfall der physischen Infrastruktur sowie Wertverluste von Gebäuden verbunden.

Der technologische Fortschritt und der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungsund Wissensgesellschaft haben zu einer zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitswelt – sowohl der Erwerbsarbeit als auch in Bezug auf die unbezahlte Arbeit in den Haushalten und Familien – geführt. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien sowie innovative Produktionsweisen führen zu Veränderungen in der Wirtschafts-, aber auch in der Gesellschaftsstruktur. Der Wandel gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse, die Herausbildung neuer Zeitstrukturen, pluralisierte Lebensstile und eine zunehmend multilokale Lebensführung sind zu beobachten. Die Anforderungen von Individuen, Familien sowie Haushalten an ihre räumliche Umgebung und damit an planerisches Denken und Handeln wandeln sich. Vielfältige, flexibel nutzbare Wohnumfeldstrukturen, Verkehrssysteme oder Einzelhandelsstrukturen werden benötigt. Die veränderte Nachfrage hat auch Auswirkungen auf räumliche Strukturen und kommunale Infrastrukturen. Aufgrund ökonomischer, ökologischer, sozialer und politischer Prozesse nimmt der Handlungsdruck auf die Kommunen und Regionen zu. Insbesondere in dünn besiedelten Räumen ist die Finanzierung und Instandhaltung einer nachfragegerechten Infrastruktur der Daseinsvorsorge gefährdet. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen steht das Paradigma der gleichwertigen Lebensverhältnisse im Raum auf dem Prüfstand. Eine gesellschaftspolitische Diskussion, wie auch die Überprüfung und Weiterentwicklung von Fördersystematiken und Planungsinstrumentarien, scheint erforderlich. Eine Ergänzung des Zentrale-Orte-Systems mit flexiblen Ansätzen der Daseinsvorsorge und eine Stärkung regionaler Abstimmungsprozesse sind notwendig. Bildungsinfrastrukturen erlangen neue Bedeutung für eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung.